20. Juni 2023 von Crowd Container von Niederhäusern

«Hier ist Leben»

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Linda Dörig aus der Crowd Container Community hat auf ihrer Sizilienreise ganz spontan Valdibella besucht. Sie wurde mit offenen Armen von den Produzent*innen empfangen und auf ihren Feldern herumgeführt. Ein Gastbeitrag über Mut, Leidenschaft und Durchhaltewillen in Camporeale.

Ende Mai hatte ich das Glück, die Kooperative Valdibella in Camporeale auf Sizilien besuchen zu können. Eigentlich wollte ich danach einen kurzen Blogbeitrag über ihre Arbeit und ihre Produkte schreiben. Wie wird zum Beispiel das Timilia-Getreide genau angebaut? Wo finden die Produzent*innen den wilden Fenchel für das feine Pesto? Wie viele Tonnen Granatäpfel werden zu Saft verarbeitet? Wie ist die Arbeitsorganisation unter den verschiedenen Produzent*innen? Wo genau sind die rund 50 Mitglieder der Kooperative verteilt? … und so weiter – was man halt so fragt, beim Besuch einer landwirtschaftlichen Kooperative.

Nach dem Besuch jedoch bin ich einfach nur beeindruckt vom Mut, der Leidenschaft und dem Durchhaltewillen der Menschen, die ich an diesem Tag getroffen habe. Wahre Pionier*innen, die mit Motivation und Enthusiasmus mit ihrem Land arbeiten – nicht dagegen – und sich dafür einsetzen, das System der konventionellen Landwirtschaft und des Handels zu verändern. Und dies gegen jegliche Widerstände.

Massimiliano Solano hat 1994 das erste Mal Timilia-Getreide angepflanzt, aus der Überzeugung, dass etwas mit dem bestehenden konventionellen Anbau von Getreide in der Region nicht stimmte. Timilia ist eine alte Getreidesorte, die lokal sehr gut und ohne chemische Hilfsmittel gedeiht. Doch es war zu früh – Massimiliano fand keinen Markt für sein Produkt und musste wieder auf andere Sorten und Produkte umstellen. Um den nachhaltigen Anbau in der Region und die Vermarktung dieser Produkte zu ermöglichen und zu fördern, hat er mit einigen Kollegen die Kooperative Valdibella gegründet. Seine Leidenschaft für den biologischen Anbau und ein anderes Handelssystem sind bis heute spürbar.

Während wir am Rand seines leuchtend grünen Getreidefeldes stehen und über die Hügel schauen, sagt Massimiliano: «Hier ist Leben.» Und wie in einem kitschigen Film flattern ein paar blassgelbe Schmetterlinge zwischen uns hindurch. Über dem Feld tanzen Dutzende von ihnen, es summt und zwitschert. Am Feldrand blühen Blumen – Mohn, Disteln, wilde Karden, Dill, wilde Möhren. Weiter vorne am nächsten Hügel sieht man ein konventionelles Feld. Die Farbe des Getreides ist gelblich matt und das Feld scheint nicht sehr lebendig.

Mischkultur statt Monokultur: Auf den Feldern von Valdibella wächst Rosmarin und Oregano zwischen den Baumreihen

Der Austausch ist lebhaft und nicht nur die Besucher*innen sind interessierte Zuhörer*innen, sondern auch Massimiliano. Wir tauschen uns über innovative Anbaumethoden aus, entwickeln Ideen und der Produzent sagt freudig: «Schöne Idee, nächstes Jahr versuche ich im Winter zwischen den Reihen der Rebstöcke Favabohnen zu pflanzen. Das wäre gut für den Boden und gäbe zusätzliches Einkommen aus dem Rebberg.» Seine Experimentierfreude und Offenheit beeindrucken mich.

Valdibella-Gründer Massimiliano Solano im Timilia-Weizenfeld (Archivbild)

Neue, innovative Produzent*innen dank Valdibella

Für ihre Pionierarbeit brauch(t)en Massimiliano und seine Mitstreiter*innen einen langen Atem und Durchhaltewillen. Viele Jahre war es ein unsicheres Unterfangen, biologisch anzubauen und nach nicht-konventionellen Märkten zu suchen. Seit einigen Jahren geht das besser und Massimiliano ist erleichtert. Das Know-how der Kooperative und die Stabilität des Absatzmarktes von Valdibella ermutigen heute neue Produzent*innen, innovative Projekte zu starten.

So zum Beispiel Erina Salamone und Rico Greco. Sie sind rund 60 Jahre alt und eigentlich Optiker*innen. Erinas Vater hatte ein kleines Stück Land und ein Häuschen am Hang etwas ausserhalb von Camporeale. Erina und Rico haben sich von Valdibella beraten und ermutigen lassen. Eigenhändig pflanzten die beiden Zitrusfrucht- und Granatapfelbäume. Vorher wuchsen keine Bäume an diesem Hang. Auch wagten sie es, für ein starkes Wurzelwerk Kerne einer robusten Bittermandelsorte zu «säen» und danach mit einer anderen Sorte aufzupfropfen. «Ich hatte keine Ahnung wie das geht, aber Massimiliano hat es mir gezeigt. Danach habe ich ein paar YouTube-Videos geschaut und mich an die Arbeit gemacht. Heute ist es eine grosse Befriedigung für mich, diese Bäumchen hier stehen zu sehen», sagt Erina und lacht über ihre ersten Pfropf-Versuche. Zwischen den Bäumen hat sie Oregano und Rosmarin gepflanzt. Valdibella übernimmt den Verkauf der Produktion. In einem anderen Teil des Feldes lässt sie das Gras zwischen den Baumreihen wachsen. Ein- bis zweimal in der Saison schneidet sie es und lässt es auf der Erde liegen. Nun, nach ein paar Jahren, spürt und sieht man einen Unterschied zwischen diesem Teil des Feldes und anderen. Es fühlt sich an, als gehe man auf einem weichen Teppich. Der Boden speichert Feuchtigkeit und die Erde wird weniger weggespült bei starken Regenfällen. Die Nachbar*innen hingegen sehen nur das unkonventionell hohe Gras – ein unordentliches Feld – und lachen über Erina und Rico.

Bewusste Unordnung: Erina Salamone lässt Gras zwischen den Mandelbaumreihen wachsen, damit der Boden mehr Feuchtigkeit speichern kann und die Erde bei Regenfällen weniger weggespült wird.

Erina lässt sich davon nicht stören. Sie strahlt und ich sehe ihr die Befriedigung, die sie aus ihrer Arbeit auf dem Feld zieht, an. Sie ist enthusiastisch, innovativ und zufrieden. Keinen Tag kann sie sich mehr ohne die Arbeit auf ihrem Stück Land vorstellen.

Was mir besonders geblieben ist

Zum Abschluss nehme ich zwei Gedanken mit aus diesem Besuch:

  1. Es ist beeindruckend, wie viel wir erreichen können, wenn wir uns mit Mut und Leidenschaft dafür einsetzen, konventionelle Systeme zu verändern. Es braucht Durchhaltewillen. Gleichzeitig ist es erfüllend und befriedigend. 
  2. Und – es ist wichtig, dass wir das nicht allein tun. Gemeinsam sind wir nicht nur stärker, sondern auch resilienter, motivierter und informierter. Im Austausch mit anderen finden wir kreative Lösungen und Unterstützung.

In diesem Sinne bedanke ich mich von ganzem Herzen bei den Menschen von Valdibella für ihre Gastfreundschaft, den Austausch und ihre Arbeit! Alles Gute für die Zukunft!

Linda Dörig auf ihrer Sizilienreise, u.a. auf dem Gipfel des Pizzo Carbonara – nebst dem Etna der höchste Berg Siziliens:

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