11. Juli 2024 von Crowd Container von Niederhäusern

Schweizer Haselnüsse im Check – eine klimafreundliche Alternative?

Warum es Schweizer Haselnüsse braucht? Wir sind der festen Überzeugung, dass die Haselnuss einen bedeutenden Beitrag zu einer klimafreundlichen und zukunftsfähigen Landwirtschaft leisten kann.

Haselnussprojekt_Becherfallen_Wildbienen-1

Aus diesem Grund haben wir gemeinsam mit dem Landwirten Stefan Gerber die erste Haselnussanlage im Kanton Zürichetabliert.  Aber wie sieht es wirklich aus? Sind Schweizer Haselnüsse tatsächlich klimafreundlicher als diejenigen, die aus den Hauptanbauländern wie der Türkei oder Italien kommen? Wie gross ist die Umweltbelastung eines Beutels Schweizer Haselnüsse? Und wie viel CO2 kann durch den Anbau im Boden gespeichert werden? Wir haben den Praxistest gemacht und eine Ökobilanz durch myclimate erstellen lassen. Die Ergebnisse des Berichts sind auf verschiedenen Ebenen überraschend.

Der Anbau ist hauptverantwortlich für die Umweltwirkung

Vom Feld bis auf den Teller – wir haben den gesamten Lebenszyklus der Schweizer Haselnüsse angeschaut, einschliesslich aller Zwischenschritte wie Knacken, Verpacken, Transportieren und Entsorgen. Ähnlich wie auch schon bei anderen Produkten gesehen, ist der Anbau hauptverantwortlich für die Umweltwirkung. 79 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen und 95 Prozent der gesamten Umweltbelastung entfallen auf die Anbauphase, wie die nachfolgende Abbildung eindrücklich verdeutlicht. Verpackung und Transport sind in diesem Kontext deutlich sekundär.

Gesamtresultate im Szenario Vollertrag inkl. Unsicherheitsbereich, aufgeteilt nach Lebensphasen. Für Treibhausgasemissionen (links), und gesamte Umweltbelastung (rechts).

Eine wichtige Anmerkung an dieser Stelle: Stefan Gerber hat die Haselnussbäume erst 2021 in Mettmenstetten gepflanzt. Bei unserer Messung zwei Jahre danach (2023) war die Ernte mit rund 50 Kilogramm geknackter Nüsse also noch sehr gering. Für die Erstellung der Ökobilanz haben wir daher ein Szenario verwendet: Wir gehen davon aus, dass die Haselnussplantage ab 2028 einen mittleren Ertrag von etwa 4 Tonnen pro Jahr abwirft, wobei diese Annahme eher vorsichtig kalkuliert ist. Auf dieser Grundlage können wir bereits jetzt einen Vergleich mit dem Anbau in der Türkei und Italien anstellen.

Absolute Umweltbelastung in Mettmenstetten am tiefsten…

Betrachten wir die absolute Umweltbelastung pro Hektare, so schneidet Stefan Gerbers Parzelle in Mettmenstetten am besten ab. Sie verursacht die geringsten Treibhausgasemissionen. Allerdings unterscheidet sich der Ertrag, also die Anzahl Kilogramm Haselnüsse pro Hektare, wie die Berechnung im nachfolgenden Abschnitt zeigt.

… aber nicht pro Kilogramm Haselnüsse

In Italien können im Mittel 1’456 kg Haselnüsse pro Hektare geerntet werden, während wir für den Anbau in Mettmenstetten von einem Wert von 1’333 kg pro Hektare ausgehen. Daher schneidet der Anbau in Italien mit 9.4 kPoints* pro Kilogramm roher Haselnüsse besser ab als derjenige in Mettmenstetten mit 10.6 kPoints. Der Anbau in der Türkei weist mit 12.4 kPoints die höchste Umweltbelastung auf. Auch in Italien und der Türkei macht der Anbau den grössten Anteil der Umweltbelastung aus. Dabei fällt die grösste Belastung vor Ort auf der Plantage an («direkte Einflüsse»).

*kPoints sind die Masseinheit, die in Ökobilanzen verwendet wird, um Umweltwirkungen (wie Treibhausgasemissionen, Wasser- oder Energieverbrauch) zu quantifizieren. Je tiefer der kPoints-Wert, desto geringer die Umweltwirkung.

Vergleich der Umweltbelastung des Anbaus im Szenario Vollertrag mit den Hauptanbauländern von Haselnüssen, aufgeteilt nach Teilbereichen.

Warum sind die direkten Einflüsse in Mettmenstetten hoch – trotz Bio-Anbau?

Unter «direkte Einflüsse» fällt der verwendete Dünger. In Italien und der Türkei werden chemisch-synthetische Dünger eingesetzt. Diese verfügen über eine tiefere Schwermetallbelastung als der durchschnittliche Schweizer Kompost-Mix. In der Ökobilanz haben wir den Datenbankwert dieses Mixes verwendet, obwohl Stefan Gerber ausschliesslich Bio-Kompost verwendet. Zudem ist davon auszugehen, dass die Schwermetallbelastung des Schweizer Kompost-Mixes durch verschiedene Massnahmen mittel- bis langfristig gesenkt wird. Die Umweltbelastung durch Kompost ist in unserem Fall also eher hoch angesetzt.

CO2-Fixierung im Boden

Doch nicht nur die Treibhausgasemissionen und die Umweltbelastung eines 250g-Beutels Haselnüsse sind wichtig, um herauszufinden, inwiefern die Haselnuss zur Förderung einer klimafreundlichen Landwirtschaft beitragen kann. Darum haben wir auch modelliert, wie viel CO2 durch den Haselnussanbau im Boden gespeichert werden kann. Die gute Nachricht zuerst: Durch den Haselnussanbau kann CO2 im Boden gespeichert werden. Im Vergleich zu den vorherigen Nutzungsformen (40% Wiesen- und 60% Ackerland), ergibt sich eine Fixierung von -3.66 kg CO2e pro Kilogramm geernteter, roher Haselnüsse.

CO2-Fixierung im Szenario Vollertrag, aufgeteilt nach Boden und Pflanzen, sowie vorangehenden Landnutzungsformen. Negative Werte stellen eine Aufnahme von CO2 dar.

Leider können wir trotzdem nicht einfach haufenweise Haselnussbäume pflanzen, dadurch CO2 im Boden speichern und weiterhin unbegrenzt Treibhausgase emittieren. Wieso? Weil die Resultate nur während des Aufbaus der Plantage gelten. Erreichen die Bäume ihre volle Grösse, findet kein zusätzlicher Aufbau von Biomasse mehr statt, also auch keine zusätzliche CO2-Fixierung. Ab diesem Zeitpunkt (nach ca. 20 Jahren) wird von einem Gleichgewichtszustand ausgegangen: Die Freisetzung von CO2 durch das Ableben eines alten Baumes wird durch das Wachstum eines neuen Baumes ausgeglichen. Auch im Boden hat sich ein neues Gleichgewicht eingestellt, da keine Änderung der Bepflanzungsform mehr stattfindet.

Der errichtete Haselnusssortengarten umfasst mittlerweile 72 Haselnusssorten à je zwei Bäume. Anhand dieser Bäume beobachten wir die Blütenzeitpunkte, die Standortgerechtigkeit sowie den potenziellen Ertrag der unterschiedlichen Sorten.

Fazit

Entscheidend ist nicht der Ort des Anbaus, sondern die Art und Weise, wie Haselnüsse angebaut werden. Obwohl Schweizer Haselnüsse eine geringere Umweltbelastung durch den Transport verursachen (wobei hier noch Verbesserungspotenzial besteht), liegt der Fokus auf der Anbauphase. Der Haselnussanbau in Mettmenstetten schneidet absolut betrachtet zwar am besten ab. Die Umweltbelastung pro Kilogramm Haselnüsse ist aufgrund der angenommenen geringeren Ernte aber höher als bei italienischen Haselnüssen.

Sobald die Haselnussplantage im Vollertrag ist, müssen die aktuellen Annahmen erneut überprüft werden: Wenn die Ernte grösser ausfällt als angenommen, ist auch die Umweltbelastung pro Kilogramm Haselnüsse geringer. Auch die Schwermetallbelastung durch Bio-Kompost bedarf nochmals einer detaillierten Betrachtung.

Abschliessend kann gesagt werden: Ja, Schweizer Haselnüsse sind eine klimafreundliche Alternative, denn es wird viel CO2 im Boden gespeichert. Allerdings kann diese CO2-Fixierung reversibel sein. Sollte in Zukunft kein Haselnussanbau in Mettmenstetten mehr betrieben und die Bäume ausgerissen werden, erfolgt eine Freisetzung des gebundenen CO2. Gemeinsam mit Stefan Gerber bleiben wir jedoch dran, um den Haselnussanbau nicht nur in Mettmenstetten weiterzuverfolgen, sondern in der gesamten Schweiz zu ermöglichen und voranzutreiben.

Hier geht’s zum vollständigen Bericht.

Hinterlassen Sie einen Kommentar